Nischni Nowgorod – Am Zusammenfluss von Wolga und Oka

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Gruß aus Gorki

Nach der knapp vierstündigen Fahrt mit dem Expresszug von Moskau (Kursker Bahnhof – Курский вокзал) Richtung Osten komme ich also am Moskauer Bahnhof (Московский вокзал) von Nischni Nowgorod an. Der ersten Stadt auf meiner Reise, deren Namen und Existenz sich mir vor meinen Recherchen völlig entzog. Wie immer und getreu den Empfehlungen des Reiseführers entferne ich mich erstmal zu Fuß vom Bahnhof und nehme erst kurz vor der über die Oka führenden Kanawinski-Brücke (Канавинский мост) ein Taxi zum Azimut Hotel. Der Taxifahrer ist hocherfreut ob der Tatsache, dass ich aus Deutschland komme, und erzählt mir in einer charmanten deutsch-russischen Sprach-Melange von seiner innigen Liebe zu Altkanzler Helmut Kohl, welcher ein guter Freund des jüngst verstorbenen († 7. Juli 2014), letzten Außenministers der Sowjetunion und späteren Präsidenten Georgiens, Eduard Schewardnadse, gewesen sei.

Meines Verständnisses nach ist der Fahrer selbst teils georgischer Abstammung und begreift unsere Begegnung – ebenso wie ich – als einen schicksalshaften Ansatz von Völkerverständigung. Ich empfinde das Gespräch nicht nur als eine sehr sympathische Geste der Gastfreundlichkeit, sondern auch als eine erquickende Begrüßung in einer mir praktisch unbekannten Stadt. Schließlich war Nischni Nowgorod (Нижний Новгород), was ins Deutsche etwa in Nieder Neustadt zu übersetzen ist, zu Sowjetzeiten als wichtigster Rüstungsstandort des Landes immerhin über sechs Jahrzehnte (bis 1991) für ausländische Besucher nicht zugänglich.

Coffee Bridge East Rail Stories
In der Ulitsa Zalomova (улица заломова) auf der Anhöhe an der Oka gibt es mobile Kaffee-Versorgung und Ausblick über die Kanawinski-Brücke

„Nischni“, wie der Volksmund die Stadt bezeichnet, trug in jener Zeit – zwischen 1932 und 1990 – den Namen Gorki (Горький), zu Ehren des hier geborenen Schriftstellers Maxim Gorki. Dies spiegelt sich entsprechend in der Namensgebung zahlreicher Straßen, Plätze, Museen und auch moderner Café Trucks wider. In der Nähe eines solchen finde ich mich also im Hotel ein, welches, am Rande der historischen Oberstadt gelegen, einen tollen Ausblick auf die große Brücke zwischen Ober- und Unterstadt, sowie auf die Einmündung der Oka in die Wolga bietet. Die Ästhetik dieser Flussmündung vor dem Hintergrund der Weite des Landes sollte sich für mich als ein echtes Highlight dieses Ortes und meiner Russland-Reise erweisen.

Geführte Tour durch die Oberstadt

Dass ich mich in einer wenig (international-) touristischen Stadt aufhalte, merke ich schnell und nachhaltig über meinen Aufenthalt hinweg. Einzig beim Frühstück sehe ich zwei weitere Menschen, die ich für gebuchte DJ-Künstler halte, mit einer offensichtlich nativen Präferenz für nicht-russischen Sprachgebrauch. Diesen Aspekt würde ich jedoch später noch etwas zu fördern wissen. Denn wie auf allen meinen Stationen in Russland muss ich auch in Nischni mit meiner Zeit wirtschaften. Ich entscheide mich daher für einen Teil meines Sightseeings erneut für eine geführte Tour, die ich bei der örtlich NeNinO Tour Company buche. Meine Guidin Tanja spricht fließend Deutsch und erzählt mir viel über Stadt, Kultur, Religion, Altgläubige und Kirchen. Unter anderem erläutert sie mir den Farbcode orthodoxer Kirchendächer. So seien Kirchen mit grünen Dächern Männern benannt, solche mit blauen Dächern nach Frauen. Schwarze Dächer signalisieren den Namensverweis auf Krieger. Weitere Recherchen weisen mich – etwas genauer – darauf hin, dass Blau entsprechend die Farbe der Gottesmutter, Grün die Farbe des Heiligen Geistes (Dreifaltigkeitskirchen) sei. Gold ist eine Referenz für den Himmel und kennzeichnet auf besonders zentrale Kirchen des orthodoxen Christentums. Nun sind schwarze Dächer demnach kennzeichnend für Klöster und das Mönchstum. Nun denn, muss sich ja nicht notwendigerweise ausschließen.  

Mein Sightseeing Programm umfasst vor allem einen Rundgang durch den historischen Teil der Oberstadt, ausgehend von der Parkanlage nahe der Ulica Zalomova im Bereich des Denkmals für Jules Verne mit seinen zahlreichen Aussichtsgelegenheiten auf die Strelka (Стрелка), die Nischni Nowgoroder Landzunge mit der Alexander Newski Kathedrale (Собор святого благоверного князя Александра Невского) und dem im Jahr 2016 noch im Bau befindlichen Fußballstadion. Bei Alexander Newski handelt es sich tatsächlich um einen heilig-gesprochenen Nationalhelden und Heerführer (der u.a. die Schweden bei der Schlacht an der Newa zu schlagen wusste) aus dem 13. Jahrhundert. Die schwarze Bedachung der Kathedrale ist hier der Definition Tanja´s entsprechend schlüssig.

Strelka mod East Rail Stories
Bebäumter Blick auf die Landzunge Nischni Nowgorods aus dem Hotelzimmer in der Oberstadt. Im Frühjahr 2016 befand sich das anlässlich der WM 2018 errichtete Fußballstadion im Hintergrund der Alexander Newski Kathedrale noch im Bau. Die Strelka trennt die bräunliche Oka (im Vordergrund) von der Wolga, bevor beide am Fuße der Altstadt zusammenfließen.

Im Fall der Mariä-Geburt-Kathedrale (Церковь Собора Пресвятой Богородицы) – unterhalb der Parkanlage gelegen – ist diese Zuordnung nicht ganz so leicht, da sie wie die Basilius-Kathedrale in Moskau und die Kirche des Erlösers auf vergossenem Blut in St. Petersburg mit bunten Zwiebel-Kuppeln auffällt. Aber der Katalog der Symbolik bezüglich der vielfältigen Erscheinungsformen orthodoxer Kirchbedachung ist umfassend, und ich beschließe, die Zwiebeln und Kuppeln so zu nehmen, wie sie sind. Innerhalb der Kathedrale trete ich ein sakrilegäres Fettnäpfchen. Ich frage vor dem Betreten, ob ich meine Kopfdeckung abnehmen solle, was verneint wird. Nur Tanja müsse umgekehrt, als Frau, ihr Haupt mit einem Kopftuch unkenntlich machen. Im Inneren der Kirche, vor dem goldenen Altar stehend und staunend, werde ich schließlich von einem Geistlichen dazu aufgefordert, meinen Hut abzunehmen. Nun gut, kein großes Problem. Ich komme mir nur leicht ignorant vor. In etwas anderer Konstellation würde ich später in Irkutsk an einer sehr ähnlichen Situation teilnehmen.

Mariae Geburt Kathedrale East Rail Stories
Mariä-Geburt-Kathedrale von Nischni Nowgorod.

Entlang des etwa 30-minütigen Weges auf der authentisch-schönen Ilinskaja Ulica (Ильинская Улица) Richtung Kreml begegnen wir neben modernen Wohnblöcken und Jugendstilbauten zahlreich ins Stadtbild eingestreuten, typisch-russischen Holzhäusern, sowie teilweise bizarr wirkend in die Wohnreihen eingebetteten Kapellen. Angesichts der innenstadtnahen Lage merke ich hier wieder, dass ich mich nicht mehr in einer mondänen Weltmetropole wie Moskau oder St. Petersburg befinde, und es deutlich beschaulicher zugeht in – immerhin – der fünftgrößten Stadt Russlands (Stand 2017).

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Vereinzelte klassische Holzhäuser in einer Hauptstraße nahe der historischen Altstadt (2016). Beide Gebäude auf dem rechten Foto wurden mittlerweile scheinbar restauriert (google street view, Dec. 2020).

Wir erreichen und durchstreifen die große Fußgängerzone, die historischen Bolschaja Pokrowskaja (Большая Покровская улица), und treffen auf zahlreiche Straßenhändler, -künstler und -musiker. Nicht zuletzt dank der Ansammlung unterschiedlicher Baustile mit geschmackvoll gestrichenen Jugendstilhäusern genieße ich eine akustisch und optisch bunte Atmosphäre. Eine auffällige Besonderheit ist das Gebäude der Staatsbank, einerseits wegen seiner burgähnlichen Erscheinung, andererseits wegen seiner „Krönung“ mit einem goldenen Hammer-und-Sichel-Symbol – beides nicht unbedingt konkrete Hinweise auf die tendenziell wohl eher marktorientierten Umtriebe innerhalb des Hauses. Auf letzteres Detail werde ich übrigens weder hingewiesen, noch werde ich -sagen wir mal – dazu ermutigt es abzulichten. Aber schließlich ist die Konzentration bereits auf etwas viel Spannenderes gerichtet. Denn am Ende der Fußgängerzone, auf einer Anhöhe, wartet der Kreml, dessen Außen- und Innenbesichtigungen beeindruckende Erlebnisse sind. In rotem Backstein gefestigt, kämpft sich das Gemäuer den halb steilen Weg zum Ufer der Oka hinauf. Die grünen Dächer auf den mächtigen, gedrungenen Wachtürmen suchen nach unserer Aufmerksamkeit.

 

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Gebäude der Staatsbank. Stände in der Fußgängerzone Bolschaja Pokrowskaja.

Zwar erscheint dieses Exemplar etwas weniger dominant und majestätisch als der Moskauer Kreml, doch spüre ich auch hier in prägnanter Weise einen Teil der stolzen russischen Seele, und deren Mitprägung durch militärische (Verteidigungs-)Erfolge, wie sie sich auch im weiteren Verlauf meiner Reise immer wieder darstellen wird. Ich bekomme hier viel über den Glauben in Russland während und nach der Sowjetzeit erzählt. Die Geschichte des Kremls, bzw. dessen hölzerne Vorläufer, so wird mir erzählt, geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Die heutige Erscheinungsform wurde im frühen 16. Jahrhundert fertiggestellt, um Invasionen am Oka-Wolga Zufluss effektiv abzuwehren. Doch nebst den ursprünglichen militärisch-strategischen Zusammenhängen bekomme ich hier noch ganz andere, fast boulevard-eske Geschichten erzählt.

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Schützendes Gemäuer. Nischni Nowgoroder Kreml.

Anlässlich meines erkennbaren Bartträgertums geht Tanja mit ihren Erzählungen in das späte 17. Jahrhundert zurück. Denn ein gewisser Peter der Große führte einst – inspiriert von den Modetrends des Westens – eine Bartsteuer für all jene ein, die sich weigerten, ihren altbackenen Bart abzuscheren. Diese Regelung traf vor allem die Altgläubigen (староверы), also jene konservative Gruppe von Orthodoxen, die sich der 1652 in Kraft getretenen Reform der Gottesdienste verweigern, und die ihre Barttracht als eine Art Gotteswürde betrachten. Nachdem dieses Dilemma einige ins Exil getrieben hatte, gestattete erst Katharina die Große mehr als ein halbes Jahrhundert später wieder das steuerbefreite, ungenierte Tragen wüchsigen Gesichtshaares. Ich versichere mich, dass auch heute keine weiteren Abgaben zu befürchten sind, und lasse mich auf die Sehenswürdigkeiten innerhalb der Kremlmauern ein.

Kreml inside mod East Rail Stories
Panzer East Rail Stories
Kriegsgefährt im Kreml zeugt von den Erfolgen im Großen Vaterländischen Krieg.

Neben zahlreichen exponierten Panzern und anderen Militärfahrzeugen, die vermutlich in Nischni gefertigt wurden, findet sich auf dem Gelände eine würdige Gedenkstätte für den Großen Vaterländischen Krieg. Ähnlich wie auch in anderen russischen Städten erinnert ein Obelisk nebst Ewiger Flamme an die gefallenen Helden. Auch speziellen militärischen Einheiten wie der auf arktische Operationen spezialisierte Karelischen Front (Карельский фронт) werden geehrt. Die entsprechend angebrachten Fähnchen sind vermutlich ein Teil der jährlichen Siegesfeier am nahenden 9. Mai. Wie auch in anderen Beiträgen zu meiner Russland-Tour erwähnt, spielen speziell die Symboliken der Sowjetunion und der Roten Armee eine große Rolle bei diesen Feierlichkeiten. Dies scheint – so habe ich es mir berichten lassen – in anderen ehemaligen Staaten der Sowjetunion zumindest heutzutage anders zu sein. In der Russischen Föderation dagegen bleibt der patriotische Bezug zur russisch-dominierten Supermacht des 20. Jahrhunderts sichtbar erhalten.

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Obelisk und Ewige Flamme gedenken der Opfer des Großen Vaterländischen Krieges. Die Karelische Front war spezialisiert auf arktische Operationen im Norden (Finnland) und Fernost.

Neben den Monumenten der jüngeren Geschichte befinden sich auf dem Areal des Kremls auch Verwaltungsgebäude und andere interessante historische Zeugnisse. Etwa die maskulin-grün bedachte Erzengel-Michael-Kathedrale (Михайло-Архангельский собор), deren Originalbau aus dem Jahr 1227 zu den ältesten steinernen Sakralbauten Russlands zählt. Obwohl ich nicht einmal als außerordentlich begeisterter Architektur-Geschichtler nach Russland gereist bin, so beginnt die Sichtung und Recherche dazu, mich nachhaltig mitzureißen. Denn ich bin davon überzeugt, dass auch diese Informationen wichtige Fragmente größerer Zusammenhänge darstellen, die es am Ende braucht, um ein Land mit seiner Kultur und seinen Menschen umfassend verstehen zu können. Schließlich ist der Kreml erst deutlich später um die ursprüngliche Kathedrale gebaut worden, bevor er wiederum 200 Jahre später dank der Osterweiterung des Zarenreiches als Grenzposten gegen die Tataren obsolet wurde. Heute liegt in der Kathedrale die Asche des russischen Volkshelden Kusma Minin (Кузьма Минин) aus dem frühen 17. Jahrhundert begraben.

 

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Erzengel-Michael Kathedrale im Kreml von Nischni.

Außerhalb des Kremls, der also einst als Zitadelle dem Schutz der strategisch günstig gelegenen Stadt am Oka-Wolga-Zusammenfluss diente, entspannt mich der herrliche, nunmehr wenig Verteidigung-strategische Ausblick auf die Flussmündung. Hier empfehle ich besonders die frühen Abendstunden, und den Aufstieg zum Denkmal für Waleri Tschkalow (Валерий Чкалов), einen draufgängerischen Rekordpiloten und Helden der Sowjetunion, der im Jahr 1937 als erster nonstop von der Sowjetunion in die USA geflogen ist.

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Denkmal für den legendären Flieger Waleri Tschkalow und Vorfreude auf die Fußball-WM der Herren im eigenen Land.

In der Innenstadt – besonders im Bereich der Fußgängerzone Bolschaja Pakrowskaja (Большая Покровская улица) – erzählen zahlreich verteilte Bronzeskulpturen Geschichten aus vergangenen Zeiten. Es lohnt sich allein für die Sichtung dieser Exponate eine Walking-Tour mit einer lokalen Touristenführer:in zu buchen, und sich vor Ort die Legenden und Geschichten zu den Werken erzählen zu lassen. Besonders gefiel mir die erst 2013 in der Roshdestwenskaja Str. errichtete Skulptur des Мальчик с бубликами, des Jungen mit Bagels, die für Touristen eine beliebte Selfie-Gelegenheit, zumal mit der beeindruckenden Mariä-Geburt-Kathedrale im Hintergrund, darstellt.

Nizhni sculpture East Rail Stories

Am Ende meines Stadtrundgangs spricht mich auf dem Weg zurück ins Hotel vor einem von mir als Fotoobjekt auserkorenen Gemüse-Kiosk eine ältere Frau an, die sich – wie mein Taxifahrer – an meiner deutschen Herkunft erfreut und mich für ein Stück auf meinem Weg begleitet. Sie spricht – ebenfalls in mit deutschen und englischen Begriffen angereichertem Russisch – von ihrer deutschen Mutter, welche während des Kriegs nach Finnland geflohen war. Leider konnte ich wegen der Sprachbarriere nur Fragmente ihrer Geschichte rekonstruieren, und der gemeinsame Spaziergang endete schließlich, als sie einen Anruf bekam, jedoch zeigte sich mir hier erneut die unbefangene Offenherzigkeit, die ich in Russland häufig erfahre. 

Für die Weiterfahrt nach Jekaterinburg bestellt mir das Hotelpersonal freundlicherweise ein Taxi und versorgt mich ungefragt mit Kaffee, um mir die Wartezeit ein wenig zu versüßen. Das Taxi kostet interessanterweise nur gut die Hälfte der Hinfahrt (160 vs. 300 Rubel), was zeigt, dass es sich in Russland lohnt, Taxis bei seriösen Unternehmen telefonisch zu buchen (wenn man denn Russisch spricht) bzw. buchen zu lassen. Andererseits lässt sich für den monetären „Aufschlag“auf der Hinfahrt – in diesem Fall (~1,50 €) – mit der warmen „Kohl-Schewardnadse Begrüßung“ auf einen klaren Mehrwert verweisen, sodass ich nichts bereue.

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