St. Petersburg – Ein grauer Tag in einer bunten Stadt

Heldenstadt Leningrad

Nach einer effizienten, knapp vierstündigen Fahrt im Schnellzug „Sapsan“ vom Leningrader Bahnhof in Moskau erreiche ich St. Petersburg am gleichwohl nach dem Prinzip des Wechselbezugs benannten Moskauer Bahnhof (Московский вокзал). Seit 1851 ermöglicht dieser Bahnhof den bequemen Zugverkehr zwischen St. Petersburg und Moskau – damals unter dem Namen Nikolaibahn. Und der Empfang ist freundlich. Ich stehe in einer großen Bahnhofshalle mit ornamentierten Innenfassaden. Fresken an der Decke erinnern an jüngst vergangene Zeiten. Und – wie schon in Moskau – muss ich hier durch die Sicherheitskontrolle. Nun ja, eben durch eines jener Metalldetektor-Gerüste, die an internationalen Flughäfen pedantisch Gürtelschnallen, Gesäßtaschen-Taler und Intimpiercings aufspüren. An russischen Bahnhöfen wirken diese Apparate eher wie Attrappen. Häufig kann man schlichtweg daran vorbeigehen, manchmal ist der Stecker ganz offensichtlich gezogen.

Eingangsbereich im Moskauer Bahnhof mit „Sicherheitskontrolle“. Die bunten Fresken an der Decke der Bahnhofshalle stammen offenbar aus dem 20. Jahrhundert

Der Bahnhof befindet sich – zentral gelegen – direkt vor dem im Jahr 1985 errichteten Obelisken „Heldenstadt Leningrad“ (городу-Герою Ленинграду) am Platz des Aufstandes (Площадь Восстания). Zu den Hintergründen muss ich erstmal ein wenig Recherchearbeit leisten, was mir schließlich das erste einiger noch folgender Augen öffnet. Denn, wie viele Obelisken und andere Denkmäler in Russland, ist auch dieser den Helden des Großen Vaterländischen Kriegs gewidmet. Gemeint ist der Widerstand und Sieg gegen die deutsche Wehrmacht zwischen 1941 und 1945. Für den erfolgreichen Widerstand gegen die grausame, fast dreijährige deutsche Belagerung Leningrads (Leningrader Blockade) wurde die Stadt als erste der Sowjetunion zur „Heldenstadt“ ernannt.

Fassade des zentral gelegenen Moskauer Bahnhofs, der u.a. die Schnellzug-Strecke Moskau – St. Petersburg des Schnellzugs „Sapsan“ (#776A) bedient.

Entsprechende oder ähnliche Monumente sowie größere sehenswerte Gedenkstätten finden sich vielerorts in Russland; im Frühjahr – ich bin im April/Mai 2016 dort unterwegs – befindet sich das Land zudem deutlich sichtbar in den Vorbereitungen auf die großen jährlichen Feierlichkeiten am 9. Mai, dem Tag des Sieges (День Победы; entspricht dem europäischen Tag der Befreiung am 8. Mai). Ausgehend von diesem zentralen Monument in St. Petersburg beeindruckt mich die lebendige russische Erinnerungskultur und Heldenverehrung über meine gesamte Reise hinweg. Ebenso die nach wie vor sichtbare, symbolische Verbindung zu der nunmehr seit einem viertel Jahrhundert nicht mehr existierenden Sowjetunion.

Blick aus dem Fenster des Hostels „Chemodan“ auf den Obelisken im mittleren Teil des Newski Prospekts, der großen Flanier- und Shopping-Meile St. Petersburgs.
Busse verkehren hier bei Tag und bei Nacht.

Auch mein Hostel befindet sich glücklicherweise direkt an diesem Platz, sodass ich am Abend von der Fensterbank aus einen wunderbaren Blick auf das Monument und das rege Verkehrstreiben genießen kann. Erstmal wieder ankommen. Für einen Tag. An diese Routine werde ich mich über Monate hinweg gewöhnen. In den russischen Hostels fällt dies wegen der enormen Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft leicht. Meistens schlicht ausgestattet, mit Küche zur Selbstversorgung, und außerordentlich sauber. In Russland zieht man die Schuhe aus, wenn man ein Hostel betritt, und bekommt zum Teil Einweg-Schlappen ausgehändigt. Im Chemodan-Hostel gibt es statt der Schlappen einen fantastischen Ausblick.

St. Petersburg – Das Venedig des Ostens?

Was erwartet mich in dieser so hochgelobten Stadt, dem „Venedig des Ostens“? Genau genommen, in einem der vielen angeblichen Venedige des Ostens. Denn allein auf Wikipedia sind 12 (reichlich unterschiedliche) orientalische Metropolen mit diesem Prädikat gelistet. Ob dies eine tatsächlich auf St. Petersburg zutreffende Zuordnung ist, kann ich mangels Venedig-Erfahrung leider nicht kompetent beurteilen. Allerdings fällt der allgegenwärtige architektonische Glanz in Verbindung mit dem innerstädtischen Wasserreichtum schnell ins Auge. 

Die Stadt St. Petersburg ist vergleichsweise jung, wurde im Jahr 1703 vom damaligen russischen Zar Peter dem Großen (Пётр I Вели́кий) gegründet und später zur Hauptstadt des Kaiserreiches ernannt. Die Lage am Finnischen Meerbusen bescherte dem Reich nicht nur den strategisch wichtigen Zugang zur Ostsee, sondern macht die von der Newa (Нева) und vielen weiteren Flüssen und Kanälen durchzogene Stadt auch heute für Besucher zu einem ästhetischen Highlight. Auch dank der Vision russischer Zar:innen, St. Petersburg als „Fenster nach Europa“ zu etablieren und verstanden zu wissen, finden sich nicht nur im historischen Stadtkern zahlreiche farbenfrohe Prunkbauten, welche diesen Ort tatsächlich zu einer der elegant-schönsten und sehenswertesten Metropolen (nicht nur) des Osten machen. Vielleicht passt auch das Prädikat „Paris des Ostens“ besser zu dieser Stadt… oder vielleicht umgekehrt: Paris oder Venedig als das „St. Petersburg des Westens“? Wohl kaum, denn die prägenden Regenten ließen sich besonders von westlichen Architekten des Barock und – vor allem – der unterschiedlichen klassizistischen Epochen inspirieren. Und so finden sich mitunter einige illustre italienische Namen auf der Liste Stil-prägender Architekten der Stadt.

Blick von der Anitschkow-Brücke (Аничков мост) auf die Fontanka (Фонтанка), einen Seitenarm der Newa. Bei einem Spaziergang entlang des Newski Prospekts läuft man über mehrere Brücken, welche einen Anblick auf einen der über 90 Flüsse in St. Petersburg bieten

Für die Erkundung dieser auch kulturell so vielseitigen Stadt steht mir aufgrund meines Reiseplans leider nur ein voller Tag zur Verfügung. Dieser Tag im April ist nicht mit besonders gutem Wetter gesegnet. Ein klassisches Nass und Grau, das ich zunächst eher mit einem „Venedig des Nordens“ (auch eine gängige Bezeichnung) assoziiere. Und doch würde sich mir die Stadt in ihrem vollen, eleganten Zauber präsentieren. Da ich also direkt neben Bahnhof und Helden-Obelisk untergebracht bin, habe ich schließlich nur kurze Wege, um die zentralen Sehenswürdigkeiten zu entdecken.

Im Auto durch Petersburg: Beatles, Banditen und vergossenes Blut

Dennoch erscheint es mir für ein etwas umfassender informatives Speedy Sightseeing Programm in St. Petersburg sinnvoll, die Stadt zusammen mit eine:r Tourguide:in auszuspähen, da es allein im historischen Kern nur so von Sehenswürdigkeiten und Geschichten wimmelt. Zumal ich mir nur diesen einen Tag in der Stadt zugestehe, hatte ich zunächst geplant, eine geführte Bootstour über die ansehnliche Newa zu buchen. Leider startet der Bootsbetrieb erst am 1. Mai, sodass ich mich alternativ für eine Autotour entschied, was sich als eine zwar hektische, aber auch effiziente und hochinteressante Variante herausstellen würde. Diese Tour buchte ich auf Basis eines Preisnachlasses für meine Transsib-Tickets von Moskau nach Beijing bei der britischen Reiseagentur Real Russia. Grundsätzlich sei hier angeraten, sich in Gruppen zu organisieren, um deutlich günstigere Pro-Kopf-Preise zu bezahlen.

Am Morgen warte ich also vor dem Hostel auf den verabredeten Beginn meiner Tour um 10:00h. Dabei mache ich unerwartet eine bittersüße Begegnung mit Sergej, der mich aufgrund meiner fotografischen Aktivitäten als Tourist ausmacht und gut gelaunt anspricht. Er ist offensichtlich im fortgeschritten angetrunkenen Zustand und scheint ein arbeits-/obdachloser Musiker/ Künstler mittleren Alters zu sein. Aus seinen Erzählungen höre ich heraus, dass er früher als Jazz-Musiker arbeitete und damit heutzutage kein Auskommen mehr findet. Die Geschichte erscheint durchaus glaubwürdig, da er mich direkt und ungefragt mit einer gekonnten Vocal Jazz-Einlage begeistert, um mich daraufhin erfolgreich zu einem gemeinsamen Beatles-Ständchen aufzufordern. Mir sind derartige Situationen an sich keineswegs fremd. Jedoch an meinem zweiten Tag in Russland, am frühen Morgen im Zentrum St. Petersburgs lauthals Let it be im Duett zu trällern – das sortierte ich in die Kategorie „Besondere Begebenheiten“ ein. So sehr dieses Zusammentreffen zu meiner touristischen Belustigung beiträgt, ist mir natürlich auch klar, dass Sergej gewiss nicht des Spaßes halber in der Früh betrunken ist. Er fragt noch nach einer gemeinsamen Vodka-Runde in der nächstbesten Kneipe, was ich nicht nur wegen der anstehenden, gebuchten Tour ablehne. Eine bittersüße Begegnung, weil sich hier eine offensichtlich-tragische menschliche Geschichte mit einem Stück russischer Gastfreundschaft, die ich im späteren Verlauf der Reise noch mehrfach zu spüren bekam, mischt. Es tut mir tatsächlich ein wenig Leid, als ich mich von Sergej verabschiede.

Eigentlich hatte ich vor, mir noch wenigstens einen Kaffee zum Frühstück zu gönnen, doch die Tour-Guide:in ist – samt Fahrer – pünktlich, um mit mir die dreistündige Auto-Tour im schwarzen Benz durch das historische Zentrum St. Petersburgs zu starten. Unterwegs erzählt sie mir viel Interessantes über die Zar:innen der Romanow-Dynastie, inklusive unterhaltsamer Anekdoten und Legenden zu etwa Peter dem Großen, der in einer lustigen Nacht mit dem Verlassen einer Gartenparty die Tore des Areals zuschloss und die untertane, trinkfreudige Feiergemeinde kichernd ihrem feucht-fröhlichen Schicksal überließ.

Riesige Auferstehungskirche alias Kirche des Erlösers auf vergossenem Blut.

Die Tour beinhaltet insgesamt vier schnelle Fotostopps. Zunächst suchen wir die Auferstehungskirche auf, die im Russischen u.a. auch den inhaltsschweren Namen Kirche des Erlösers auf vergossenem Blut (храм Спа́са на Крови́) trägt. In touristischem und fotografischem Auge ist zunächst natürlich die ansprechende – der Moskauer Basilius-Kathedrale ähnelnde – Architektur mit den bunten Zwiebelkuppeln interessant, und durchaus ein Highlight meiner Russland-Reise. Daneben verweist der markante Name der Kirche auf ein spezielles historisches Ereignis: das tödliche Granaten-Attentat auf Zar Alexander II., welches sich im März 1881 genau an diesem Ort, am Ufer des Gribojedow-Kanals, ereignete. Ähnlich dem folgenschweren Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo im Jahr 1914 gelang dieser von sozialrevolutionären Terroristen verübte Anschlag tatsächlich erst im zweiten Anlauf. Die schmucke Kirche wurde schließlich dem heimgegangenen Zaren zu Ehren im Auftrag seines Sohnes Alexander III. errichtet und ist auch vom Newski Prospekt aus sichtbar und fußläufig erreichbar. Bei diesem Fotostopp zeigt sich meine Guide:in erstmals warnend-vorsichtig, da man sich in dieser Stadt (demnach) ganz besonders vor geschickten Taschendieben in Acht nehmen müsse. Darauf werde ich mehrfach aufmerksam gemacht, und so halten wir uns auch nicht allzu lange an touristischen Hotspots auf. Allerdings gewinne ich während meiner gesamten Russland-Reise persönlich nicht den Eindruck, dass diese Art der Kleinkriminalität ein außergewöhnlich großes Problem ist. 

Touristen scharen sich an Ständen am Ort des Attentats auf Alexander II. am Gribojedow-Kanal.

Als nächste Station steuern wir die zu Ehren des Propheten Isaaks von Dalmatien errichtete Isaakskathedrale (Исаа́киевский собор) an, die besonders durch ihre Größe und rustikale Eleganz auffällt. Ihr Gold-bekuppelter Turm hat eine Höhe von 101 m, und der Innenraum bietet – laut Wikipedia – Platz für nicht weniger als 10.000 Menschen. Der Bau der Kirche hat eine bis in die Gründungszeit St. Petersburgs zurückreichende Geschichte, die sich schließlich zugunsten der heutigen Erscheinung bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinzog. Während dieses Fototermins erzählt mir die Guide:in von der Popularität der deutsch-russischen Zarin Katharina der Großen (Екатерина Великая), die besonders auf deren Integrität und Entschlossenheit basiere. Während Katharinas einstiges Projekt, die Kathedrale nach einem Brand neu zu errichten, zunächst nicht zu Ende geführt wurde, schaffte sie es immerhin, das russische Reich enorm zu erweitern und als europäische Großmacht zu festigen. Die Geschichte dieser beeindruckenden Persönlichkeit geht offenbar weit über verbotene Liebschaften und Gattenmord hinaus. Entsprechend wurde die mächtige Isaakskathedrale sowohl Stadtgründer Peter dem als auch Katharina der Großen gewidmet.

Wie ein Abbild der Erhabenheit und Größe Katharinas II.: die Isaakskathedrale in St. Petersburg

Nicht weit von hier entfernt, eine kurze Fahrt über die Schlossbrücke (Дворцовый мост), befindet sich der wohl populärste Aussichtspunkt der Stadt: die Strelka (östliche Spitze) der Wassiljewski-Insel (Васильевский остров). Von hier aus genieße ich einen herrlichen Blick über die Newa, hinüber zur Peter-und-Paul-Festung (Петропавловская крепость) und der gleichnamigen Kathedrale, welche auch als Grabstätte der meisten russischen Zaren und Kaiser dient. Jeden Tag um Punkt 12:00 hört man dort gezündete Kanonenschüsse, welche traditionell die Mittagszeit signalisieren. An diesem Tag komme ich unweit der Festung, nach deren Umrundung auf der Troitzki-Brücke fahrend, in den Genuss dieser Tradition. Bumm!

Von der Strelka aus habe ich zudem in die gegenüberliegende Richtung einen fantastischen Blick auf den Eremitage-Komplex mit dem Winterpalast, der auch bei grauem Himmel als eine imposante Erscheinung beschreiben lässt. Er war ursprünglich Residenz der Zaren und Kaiser, und wurde erst nach der Oktoberrevolution 1917 dem Eremitage-Museum angeschlossen. Dass ich an diesem Ort nur wenig Zeit habe, einen größeren Umfang an Fotos zu schießen, ist einem sich – nach Einschätzung meiner Guide:in – anbahnenden Überfalls geschuldet. Während ich mit dem Smartphone Bilder einfange, läuft sie plötzlich auf mich zu und fordert mich auf, ihr möglichst schnell und unauffällig zum Auto zu folgen. Sie sagt, dass sich hinter meinem Rücken zwei Männer verdächtig auf mich zubewegten, und mich möglicherweise bald per Schubser oder ähnlichem angegriffen hätten.

Der goldene Turm der Peter-und-Paul-Kathedrale ragt bewusst aus der gleichnamigen Festung und dem Gründungsort der Stadt heraus.

Da mir davon abgeraten wird, mich umzudrehen, kann ich nicht einschätzen, wie ernst die Situation tatsächlich war. Im Zweifel traut man den Locals. Die Guide:in hat natürlich weitaus mehr Erfahrung in der Stadt. Allerdings ist meine persönliche Erfahrung (bzw. Einschätzung) andererseits, dass Einheimische aller Länder tendenziell zur Übertreibung bei der Darstellung der örtlichen Gefahren neigen. In diesem Fall, und in dieser Konstellation jedoch bin ich deutlich als unbeholfener Tourist für Kriminelle erkennbar, und der Ort bei schlechtem Wetter ansonsten nicht besonders belebt. Daher bin ich für die waltende Vorsicht in dem Moment sehr dankbar. Zumal ich mir gerade für den Beginn der Reise keinen Downer dieser Art auf die To-Do-Liste geschrieben hatte.           

Noch rasch ein Beweisfoto, bevor die Banditen zuschlagen. Vor dem Eremitage-Komplex mit dem Großen Winterpalast (rechts – von mir bedeckt), der Kleinen Eremitage und der Großen Eremitage (gelbes Gebäude).

Schließlich führt uns der Weg infolge der Flucht via Umrundung der Festung auf den Palastplatz und die ‚andere Seite‘ der Eremitage-Museen. Auf dem Platz finden in diesen Tagen Marschübungen für die Festlichkeiten am 9. Mai statt, und ich bin mir zu diesem Zeitpunkt noch unsicher (und entsprechend vorsichtig) mit dem Fotografieren militärischen Personals. Ich finde es jedenfalls äußerst beeindruckend, mit welcher Intensität und Hingabe auf diesen Tag vielerorts hingearbeitet wird. Schade, dass ich den Feiertag selbst außerhalb der Zivilisation verbringen würde, und damit die Parade praktisch verpasse.

Auch auf dem Palastplatz wird mir von Katharina der Großen erzählt, jener Herrscherin, die diese Kunstsammlung ursprünglich gegründet hatte, und auch den Bau des Gebäudes der Kleinen Eremitage als erstes kulturelles Rückzugsgebäude direkt neben dem Winterpalast in Auftrag gab. Erst deutlich später gesellte sich das Gebäude der Neuen Eremitage hinzu, welches nicht direkt an der Newa-Front liegt und äußerlich auch weniger schmuckvoll erscheint als seine „Geschwister“. Die Besonderheit dieses Baus sind seine 10 tragenden Atlas-Säulen im Eingangsbereich, denen man unweigerlich zu Füßen steht. Angeblich ist die Berührung der Zehen gut für Glück und Karma, sodass ich mich zu diesem Ritual nicht zweimal auffordern lassen muss.

Vorsichtiges Foto von Marschübungen auf dem Palastplatz vor dem Winterpalast und der Kleinen Eremitage (mittleres mintgrünes Gebäude), welches Katharina die Große im Jahre 1764 als private Kunstsammlung einrichtete, und damit den Grundstein für den Aufbau eines der bedeutendsten Kunstmuseen legte.

Auf dem riesig wirkenden Palastplatz lässt sich einige kurzweilige Zeit verbringen, um den Blick auf die umgebende klassizistische Architektur zu genießen und zu fotografieren, oder natürlich auch eins oder mehrere der Museen zu erkunden. Für letzteres fehlt mir leider schlicht die Zeit, und so speichere ich dies als Pflichtprogramm für meinen nächsten St. Petersburg-Aufenthalt ab. Nach einigem Verweilen neigt sich die Autotour schließlich auch dem Ende zu, und ich werde – um ein letztes Highlight vorgestellt zu bekommen – auf dem Newski Prospekt vor dem Feinkostladen Jelissejew (Елисеевский магазин) abgesetzt.

Dieses imposante Jugendstil-Gebäude wurde 1903 fertiggestellt und dient seither als exklusive – und touristisch nicht uninteressante – Adresse für den Erwerb diverser Gaumenfreuden. Nach diesem letzten Exkurs verabschiede ich mich von der Guide:in und überreiche dem Fahrer des schwarzen Benz (auf Empfehlung der Guide:in) 200 Rubel Trinkgeld. Ich bin sowohl mit der Führung und dem Fahren zufrieden und verabschiede mich nur ungern. Aber so erfreue ich mich noch an der Gelegenheit, mich ein wenig eigenständig in der Stadt zu bewegen.

Die Atlas-Säulen der Neuen Eremitage laden zum Anfassen steinerner Zehen ein. Der Feinkostladen Jelissejew (Елисеевский магазин) im Newski Prospekt zum Shoppen delikater Schmankerln.

Und es lohnt sich, die restliche Zeit des Tages zu nutzen, um einfach den Newski Prospekt und dessen Seitenstraßen freihändig zu erkunden. Neben den großen Sehenswürdigkeiten der Stadt sind auch die einfachen Gebäude entlang des Boulevards und in den Gassen mit einer abwechslungsreichen Folge von Baustilen – v.a. Klassizismus und Jugendstil – äußerst ansehnlich. Es fällt mir sogar schwer „Sehenswürdigkeit“ von „Nicht-Sehenswürdigkeit“ zu unterscheiden. Und nicht nur, weil das Gegenteil von „sehenswürdig“ „sehensunwürdig“ wäre, beschließe ich für mich, das gesamte Stadtzentrum zu einer Sehenswürdigkeit zu erklären, der ein Speedy Sightseeing, und auch nur ein einziger Tag Aufenthalt nicht gerecht wird. Denn auch im Vorbeigehen erblickt man an jeder Ecke von nah und fern weitere besondere Bauwerke und Monumente, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Geschichten über die Zaren, Geschichten über Dichter und Denker, Geschichten über die Geschichte.

Und mit diesen kurzen, und doch intensiven und umfassenden Eindrücken muss ich mich auch schon wieder auf den Weg machen. Über Moskau weiter nach Nischni Nowgorod. Auf den Weg nach Fernost. Diesen westlichen Vorposten Russlands werde ich in Erinnerung behalten, und auch mit Gewissheit wieder einmal aufsuchen – mit mindestens zwei freien Tagen im Gepäck.

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