Freundlicher Empfang in Asien

Nach meiner 21-stündigen Anfahrt im Zug „Rossija“ von Nischni Nowgorod betrete ich also erstmals in meinem Leben asiatischen Boden. Ich kann meine Aufregung darüber nicht leugnen, obwohl sich Jekaterinburg (Екатеринбу́рг) vielmehr wie eine typische europäische Stadt mit sowjetischer Vergangenheit und architektonischen Anzeichen post-kommunistischen Aufbruchs präsentiert. Von allen der auf dieser Reise besuchten Großstädte Russlands wird mir diese als die „entspannteste“ in Erinnerung bleiben. Die großen – für Russland typischen – Plätze erscheinen noch offener, der Stadtkern „strahlender“ und insgesamt freundlicher. Nicht, dass ich die anderen Orte als unfreundlich empfinde. Aber Jekaterinburg besitzt einen eigenen, frischen Flair, der sicher nicht zuletzt auf den prägenden Charakter der Isset (Исеть) zurückzuführen ist. Der Fluss wird im Stadtzentrum von einem kleinen Damm aufgestaut und bildet so einen kleinen See, der das gesamte Innenstadt-Panorama mit dominiert und eine zentrale Naherholung-Zone bietet.

Der Stausee der Isset im Zentrum Jekaterinburgs verleiht der Stadt eine offene, frische Atmosphäre.

Ich habe bereits bei der Lektüre meines Reiseführers den Eindruck gewonnen, dass es sich für mich lohnen könnte, in Jekaterinburg länger als nur einen Tag zu verweilen. Da mir meine Aufenthalte in Moskau, St. Petersburg und Nischni Nowgorod bereits etwas gehetzt erschienen, entscheide ich mich dazu, meinen Aufenthalt auf drei Tage zu verlängern und dann direkt nach Nowosibirsk zu fahren. Omsk werde ich mir dann für die nächste Reise aufsparen. Nach meiner Ankunft fühle ich mich noch etwas zu müde, um mir direkt am Ticketschalter auf marginalem Russisch das Ticket umzubuchen. Ich nehme also direkt ein Taxi zum DoBeDo Hostel, um erstmal anzukommen. Da ich mich – trotz früherer Erfahrungen – entscheide, direkt ein Taxi vor dem Bahnhof zu nehmen, krame ich nun doch alle meine Russisch-Skills hervor und verhandele selbstbewusst den Preis mit dem Fahrer meines Vertrauens. Interessant an der Konversation ist, dass er mich wegen meines Akzents fragt, ob ich Serbe sei. Tatsächlich sind meine Serbisch-Skills deutlich konversationstauglicher als mein Russisch; doch gebe ich mir durchaus Mühe, die Zahlen – welche sich in den beiden slawischen Sprachen durchaus ähneln – betont russisch auszusprechen (fünf: russisch – pjat, serbisch – pet). Nun denn, ich nehme die Frage dennoch als Kompliment und freute mich über das gelungene Verhandlungsergebnis von 150 Rubeln. Im Hostel angekommen, stelle ich schnell fest, dass sich mir hier ein weiteres Highlight der Reise bieten würde. Das betrifft zunächst eine weitere Erfahrung russischer Gastfreundschaft, und im späteren skurrile, erheiternde Begegnungen.

Eingangsbereich des DoBeDo Hostels. Vom Zustand der Fassade darf man sich nicht beeindrucken lassen. Das Hostel ist fantastisch geführt, sauber und gemütlich.

Beim Einchecken erzähle ich von meinen Umbuchungsplänen, und die Gastgeberin, Ksenia, bietet mir direkt an, dass sie mich am nächsten Tag zum Bahnhof begleitet und die Umbuchung am Schalter regelt. Im Hostel selbst herrscht eine interessante Atmosphäre, da hier zu einem großen Teil Soldaten – zum Teil mit familiärem Anhang – residieren. Ich lasse mir erklären, dass sich um die Ecke der Hauptsitz des Zentralen Militärbezirks (Центральный военный округ) befinde, und die anreisenden Bediensteten die relativ günstigen Preise im Hostel genössen. Unabhängig von den militärischen Umtrieben in diesem Hause fällt mir allgemein auf, dass russische Hostels zu deutlich größeren Anteilen von Familien aufgesucht werden als man das aus Europa oder Ost-Asien kennt. Möglicherweise hat das auch etwas mit der vergleichsweise geringen Backpacker-Dichte im Land zu tun. Russland ist halt nicht Thailand.

Während die allgegenwärtigen Militäruniformen meine Akklimatisierungs-Bestrebungen zunächst etwas ausbremsen, gewöhne ich mich schließlich irgendwann daran. Denn die Rekruten erwiesen sich als höfliche, zuvorkommende Zeitgenossen; und etwa einem verlustreichen Diebstahl zum Opfer zu fallen, ist durch deren Anwesenheit auch recht unwahrscheinlich. Das bilde ich mir jedenfalls ein. 

Im Stadtzentrum – „Du kommst hier net rein!“

Bevor es also am nächsten Tag zwecks Ticketumbuchung zum Bahnhof geht, starte ich am frühen Morgen eine kurze Super-Speedy Erkundungstour, die mich zunächst entlang der zentralen Lenin Allee (проспект ленина) intuitiv zum Isset-Ufer und dem Staudamm (Plotinka, плотинка) führt. Auf dem Weg dorthin decke ich mich in einem der zahlreich vorhandenen Coffeeshops mit frisch Gebrühtem ein und erfreute mich an den bunt-gestalteten Straßenbahnen.

Öffentlicher Nahverkehr in Jekaterinburg. Die farbenfrohe Gestaltung war jedoch offensichtlich eine Werbekampagne des Einkaufszentrums „Karneval“.

Hinter dem Damm spaziere ich entspannt am Flüsschen entlang und genieße – bei dem gegebenen schönen Wetter – die besagte, offene Atmosphäre der Stadt. Entlang des Ufers und an Brücken finden sich zudem teilweise interessante Graffiti, welche mal auf mehr, mal auf weniger Talent und Kreativität zurückzuführen sind.

Uferpromenade der Isset direkt ‚hinter‘ dem Staudamm im Stadtzentrum.

Mit Vorfreude auf die weitere Erkundung des wasserfrohen Stadtzentrums mache ich mich auf den Weg zurück zum Hostel, mit einem Zwischenstopp am Gebäude der Staatlichen Gorki-Universität des Uralgebiets (Ураaльский госудаaрственный университеaт имени А.М. Гoрького). Ich möchte hier die offensichtliche Gelegenheit wahrnehmen, mir eine russische Uni von innen anzusehen, und gehe mit dem Studierendenstrom durch den Haupteingang in das Gebäude, wo ich von einem Wachmann unmittelbar als Unbefugter identifiziert werde. Grimmigen Blickes verwehrt er mir den Zutritt ohne Begründung, sodass sich dieses kleine Abenteuer schnell erledigt. Tatsächlich erhält man (damals, April 2016) zu russischen Universitäten ohne offizielle Einladung keinen Zutritt. Dies ist ein Teil des persistenten sowjetischen Muffs, dem ich bisweilen begegne. So erscheint es mir nicht überraschend, dass (wie auch andernorts) nach wie vor das einschlägige „Hammer und Sichel“-Emblem an der Fassade des Gebäudes die Richtung angibt, in Harmonie mit der vor dem Gebäude – auf dem Platz der Pariser Kommune – ragenden Statue des Bolschewiken und ehemaligen Staatsoberhaupts Jakob Swerdlow (Яков Свердлов). Die Stadt trug ab 1924 den Namen dieses prominenten Parteifreunds Lenins, bevor Swerdlowsk im Jahre 1991 wieder in Jekaterinburg zurück benannt wurde. Dass in derselben Stadt zugleich – mit einer eigens dafür errichteten Kirche – der durch die Bolschewiken angeordneten Ermordung der Zarenfamilie, und den dafür verantwortlichen Persönlichkeiten gedacht wird, ist zumindest bemerkenswert. 

Brücke über die Isset, nahe dem Staudamm.
Streetart am Ufer der Isset. Das Highlight ist ganz klar die 3D-Darstellung einer Matroschka (Матрешка).
Platz der Pariser Kommune (Площадь Парижской Коммуны) an der Hauptstraße Prospekt Lenina (проспект ленина). Links das Gebäude der Staatlichen Gorki-Universität, im Hintergrund die Statue Jakow Swerdlows.
Kein Zutritt: Gebäude der Gorki-Universität mit erhaltener marxistisch-leninistischer Symbolik.

Zum Mittag in der Stolovaja

Zurück im Hostel machen wir uns also – wie verabredet – direkt per Taxi auf den Weg zum Bahnhof, wo wir das Zugticket umgebucht bekommen. Die ganze Aktion verläuft reibungslos, und ich bekomme eine Rückerstattung von Real Russia für das stornierte Ticket nach Omsk. In diesem Fall ist die muttersprachliche Assistenz wirklich mehr als hilfreich. Ich bin bereits beeindruckt, dass Ksenia mir rein freundschaftlich geholfen hat, und zu diesem Zweck sogar Ersatz für die Rezeption im Hostel organisierte. Doch noch nicht genug der Gastlichkeit. Selbstverständlich soll ich auch in den Genuss echter russischer Küche kommen. Und so fahren wir – erneut per Taxi – zu einer Stolovaja (столовая), einem Restaurant mit Kantinen-ähnlichem Selbstbedienungskonzept nach sowjetischer Tradition. Da ich Ksenia von meinen so-vegan-wie-möglich Präferenzen erzähle, erhalte ich kompetente Beratung bei der Auswahl. Im Grunde kann ich hier auf allerhand landestypische „Beilagen“ zurückgreifen, von denen sich zumindest die Kartoffeln als ordentlich gebuttert erweisen. Aber gut. Außerhalb Moskaus und St. Petersburgs ist das Angebot an Restaurants mit ausgewiesener Expertise für vegan-vegetarische Küche sehr überschaubar. Ich habe jedoch das Glück, während der orthodoxen Fastenzeit im Land unterwegs zu sein, sodass es häufig Fastenkarten gibt, die sich praktisch aus veganen Gerichten zusammensetzen. Am Ende genieße ich also eine kleine kulinarische Tour samt Ticketbuchung durch Jekaterinburg. Dies ist vielleicht jener Tag auf meiner Reise, an dem ich endlich „in Russland ankomme“ und beginne, mich als Gast vollständig willkommen zu fühlen.  

Russisches so-vegan-wie-möglich Mittagessen in einem Selbstbedienungslokal – Stolovaja – in Jekaterinburg. Weitgehend typische „Beilagen“: nebst Kartoffeln und Kohlgemüse(n) das russische „Nationalgetreide“ (Obacht: es ist kein echtes Getreide), der Buchweizen (гречиха).

Nach der kleinen Stadtrunde stoße ich im Hostel auf einen besonders interessanten Charakter. Julio (Name geändert) ist Mathe-Professor aus Südamerika und in Jekaterinburg als Gastredner geladen. So jedenfalls die Original-Story. Offenbar ist es nach bereits 2 Wochen noch nicht zu dem Vortrag gekommen, und er verlängert immer wieder kurzfristig seinen Aufenthalt. Aufgrund meiner Erfahrung der Abweisung beim Zutritt zur Universität frage ich ihn, ob er für seinen Besuch eine offizielle Einladung zur Vorlage besäße, was er bejaht. Allerdings sei sein Vortrag ohnehin erst im Juni (es ist Ende April)… Letztlich beschäftigt er sich während des Aufenthaltes damit, tagsüber Telefonkonferenzen abzuhalten, und abends einheimische Damen in der Hostel-Küche zu bewirten. Meist sehr elegant erscheinende Damen, welche er treffsicher von romantischen Militär-Hostel-Dinnern zu überzeugen vermag. Er ist einer dieser charmant-skurrilen Persönlichkeiten, welchen man auf Reisen begegnet, die zugleich für allgemeine Erheiterung und für eine Form der zwischenmenschlichen Verunsicherung sorgen. Julio hat den Vortrag offenbar nie mehr gehalten – einen Tag nach meiner Abreise sende ich ihm einen Gruß aus Nowosibirsk – er hatte mir seine Nummer gegeben, sollte ich mal sein „Hilfe“ benötigen. Zu diesem Zeitpunkt ist er offenbar bereits nach Paris abgereist, was er mir mitteilt, während er mir ein schönes Leben wünscht…

Jekaterinburg von oben

Am Abend besuche ich auf Empfehlung Julios den besten Aussichtspunkt der Stadt, den Wyssozki-Wolkenkratzer (Высоцкий), das mit 188 m höchste russische Gebäude außerhalb Moskaus. Dieser Ausflug ist vollständig empfehlenswert. Mir bietet sich ein toller Ausblick in alle Himmelsrichtungen bei blauem, nahezu unbewölktem Himmel in der Abendsonne: im Westen die Ausläufer des Urals und die Bauruine des unvollendeten (und mittlerweile gesprengten) Fernsehturms; im Osten der Blick in die Unendlichkeit des Westsibirischen Tieflands. Auch offenbart sich die Grundstruktur der innerstädtischen Wohnblöcke, sowie angesichts der sich zahlreich versammelnden Fabrik-Schornsteine die historische Rolle Jekaterinburgs als industrielle Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Es lohnt sich übrigens, einmal einen solchen Wohnblock von innen zu besichtigen, und sich ein darin integriertes Kaufhaus anzusehen. Ich bin nur zufällig darauf gestoßen: von außen wenig sichtbare, unprätentiöse Geschäfte in Räumlichkeiten, die ich als klassischen Wohnraum bezeichnen würde.  Auf der Aussichtsplattform kann man durchaus guten Gewissens einige Zeit damit verbringen, die Aussichten zu genießen, zu posieren und zu fotografieren. Mir persönlich gefällt diese urbane Vogelperspektive vor allem auch, weil sich mir dadurch die Zusammenhänge zwischen den natürlichen Gegebenheiten in der Umgebung und den Charakteristika der Stadt besser erschließen. 

Blick hinauf und hinab des Wissozki-Turms. Es offenbart sich die typische Anordnung der urbanen Wohnblöcke.
Blick über die Stadt entlang der Ulica Mira (улица мира) in die Weiten der Westsibirischen Tiefebene.

Blick in Richtung Europa. Der Fernsehturm war ein ambitioniertes, jedoch unvollendetes Projekt aus Sowjet-Zeiten, welches 2018 schließlich im Dynamit seinen Meister fand.

Touristische Route – Auf der Roten Linie

Am zweiten vollen Tag widme ich mich schließlich einem etwas ausgiebigeren Speedy Sightseeing, welches in Jekaterinburg aus zweierlei Gründen doch eine recht effiziente Unternehmung ist. Erstens hat die Stadt nur relativ wenige touristische top-notch Highlights, und diese in einem überschaubaren Radius. Zweitens gibt es auf dem Fußweg eine Rote Linie für Touristen, welche an den wichtigsten historischen und fotogenen Orten entlangführt. Nachdem ich mir also bereits mehr oder weniger selektiv bestimmte Orte angesehen habe, widme ich mich nun dem vollen Programm.

Die wohl schillerndste und prominenteste Sehenswürdigkeit der Stadt ist die Kathedrale auf dem Blut oder Blutkirche (Храм на Крови). Dieses Bauwerk ist zwar noch sehr jung (Baujahr 2003), und im Vergleich mit anderen bekannten russischen Kirchen auch nicht herausragend anmutig. Doch ragt sie allein wegen ihrer Größe und der Goldkuppeln deutlich aus dem Stadtbild heraus, und erzählt eine tragische, historische Geschichte, die sich in ihrem Namen widerspiegelt. Das sakrale Gebäude wurde nämlich an jenem Ort errichtet, auf welchem sich einst das Ipatjew-Haus befand, in welchem Zar Nikolaus II. und seine Familie von den Bolschewiki festgehalten und am 17. Juli 1918 ermordet wurden. Diese Geschichte erinnert stark an jene zu der Erlöser-Kirche auf verschüttetem Blut in St. Petersburg, und so reiht sich das Haus in die Selektion russischer Kirchen mit markanten Namen ein.

In der Kathedrale findet man eine umfangreiche Ausstellung zu besagter Geschichte, deren Verständnis jedoch russische Sprachkenntnisse erfordert. Leider finden sich in den meisten russischen Museen, die ich besuchen würde keine englischen Übersetzungen. Wenn man jedoch Russisch spricht und liest, kann man hier sicher einiges über die Romanows, das Endstadium des russischen Zarentums und die Revolution lernen. 

Imposante Erscheinung, Namensgebung und Geschichte: Die Kathedrale auf dem Blut

Im weiteren Umfeld der Kathedrale sind noch weitere, teilweise deutlich lieblichere Sakralbauten und urige Holzhäuser des klassischen sibirischen Baustils zu entdecken. Besonders schön ist die Himmelfahrtskirche (Храм Вознесения Господня) auf der gegenüberliegenden Seite der Karl-Liebknecht Straße (улица Карла Либкнехта), weniger exponiert am Rande eines kleinen Parks gelegen. Die erfrischend blaue Fassade verleiht der Umgebung eine freundliche Atmosphäre, und ähnelt in dieser Hinsicht vielen klassizistischen Bauwerken, Kirchen und Bahnhöfen Russlands. Was sich architektonisch in St. Petersburg konzentriert, findet sich – mal mehr, mal weniger – vereinzelt in vielen Orten entlang der Transsibirischen Eisenbahn. Manchmal muss man nur etwas danach suchen. 

Himmelfahrt-Kathedrale, ein Schmuckstück in versöhnlichem Blauton.

Wiederum Isset-seitig nahe der Blutskirche befindet sich das Literatur-Viertel (Литературный квартал) mit einigen namensgebenden Museen wie dem Museum „Literarisches Leben im Ural des 20. Jahrhunderts“ (Музей Литературной Жизни Урала XX века), dessen Holzfassade eine weitere Facette russischer, oder genauer, sibirischer Baukunst präsentiert. Leider nehme ich mir nicht die Zeit, eines der Museen von Innen zu besichtigen. Offenbar soll auch dies sehr lohnenswert sein. Wenngleich man auch hier möglicherweise mit Russischkenntnissen besser beraten ist.

Das hölzerne Museum „Literarisches Leben im Ural des 20. Jahrhunderts“ zeugen von geschmackvoller russischer Architektur.

Ich nähere mich nun weiter südlich wieder dem Staudamm, der Plotinka, und begegne der Statue zu einem bedeutenden und nachhaltig relevanten Physiker: dem im Ural geborenen Alexander Stepanowitsch Popow (Александр Степанович Попов), dem als erstem Wissenschaftler Ende des 19. Jahrhunderts die Beschreibung eines Empfängers für Funkwellen gelang. Ingenieur-wissenschaftlich handelte es sich bei dieser Persönlichkeit offensichtlich um einen Frühentwickler, patentrechtlich dagegen leider um einen Spätzünder. Aus scheinbar patriotischen Gründen wurden seine Arbeiten zunächst nicht publiziert, und so bekam anfangs die westliche Konkurrenz die Credits für die Erfindung des Radios. Ob sich die Statue aufgrund dieser Geschichte geneigten Hauptes darstellt, möchte ich nicht zu behaupten wagen. Vielleicht lässt es sich auch als ein erhabenes Herabblicken interpretieren.

Ein Pionier in der Entwicklung des Radios: Alexander S. Popow.

Schließlich führt mich die Rote Linie zurück zum Herzen der Stadt, dem Isset-Stausee mit seinen verschiedenen Panoramen. Während sich im Westen das mächtige Geschäftszentrum mit seinen modernen Hochhäusern erstreckt, blicke ich am Ostufer auf eher klassische Gebäude wie dem bunten Sewastyanow Haus (Дом Севастья́нова) an der Ecke zum Lenin-Prospekt. Dies ist das vielleicht prägnanteste und – Geschmacksaspekte mal beiseite – schönste Gebäude in Jekaterinburg.  Seit seinem Bau im frühen 19. Jahrhundert hat es mehrere wechselnde Zwecke erfüllen dürfen. In seiner jüngsten Funktion dient das Herrenhaus als Residenz für Besuche des russischen Präsidenten. Nun, Zutritt erhält man ohnehin nicht.

Von der West- und Südpromenade am Stausee der Isset hat man einen tollen Blick auf das schmuckvolle, neogotische Sewastyanow Haus. Auch hier darf der mobile Kaffee-Supply nicht fehlen.
Panorama-Blick auf das Geschäftszentrum am Westufer des Isset-Sees. Merke: der Wissotzki-Tower ist nicht Teil dieses Ensembles und befindet sich weiter östlich der Isset.

Um zu dem „Ausfluss“ des Staudamms zu gelangen, laufe ich durch eine mit ästhetischen Graffiti und bisweilen talentierten Straßenkünstlern versehene Unterführung auf den großen Platz. Hier bestaune ich die wuchtig ausbrechenden, aufgestauten Wassermassen sowie die Offenheit des Platzes. Ich muss gestehen, dass ich diese großen, für Russland und andere meist (post-) kommunistischen Länder sehr typischen, weitläufigen zentralen Plätze sehr schätze. Inmitten der lauten, zubetonierten Großstädte (was nun nicht notwendigerweise so sehr auf Jekaterinburg zutrifft) wirken diese Orte wie Naherholungsgebiete. Nun ja, gleichwohl betonenden Naherholungsgebiete. Ein ganz besonders Exemplar solcher Entspannungszonen würde mir später in Ulan Ude noch begegnen

 

Ablauf des Isset-Staudamms.
Großer Platz am Staudamm (Plotinka). Auf dem Boden sieht man die Rote Linie, der Touristen folgen sollten. Im Hintergrund der Turm des Gebäudes der Stadtverwaltung.

An diesem Platz findet sich auch das den Stadtgründern – Wassili Tatischtschew und Georg Wilhelm Henning – gewidmete Monument. Die Geschichte Jekaterinburgs führt bis ins Jahr 1723 zurück, als die Stadt als wichtiger Metall-verarbeitender Industriestandort am Ural-Gebirge, an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa, quasi auf dem Reißbrett entworfen wurde. Diese Funktion blieb der Stadt erhalten, und so war auch Jekaterinburg – zu jener Zeit Swerdlowsk – während der Sowjetzeit ein für ausländische Besucher unzugänglicher Standort der Rüstungsindustrie. An diese Zeit des 20. Jahrhundert fühle ich mich unweigerlich erinnert, wenn ich dem Lenin-Prospekt weiter in Richtung Westen folge, und am Platz von 1905 (площади 1905 года) auf die obligatorische, und hier sehr mächtige Lenin-Statue sowie das Haus der Stadtverwaltung stoße. Der Name des Platzes erinnert an revolutionäre, gewaltsam ausartende Aufstände, die sich in dem benannten Jahr hier ereigneten.

Der Name der Stadt ist nicht Katharina der Großen (Katharina II.) gewidmet, sondern Katharina I., der zweiten Frau Peters des Großen, und spätere regierende Kaiserin. Gegründet wurde sie von den Herren Tatischtschew und Henning.

Nicht nur die Statue des Revolutionsführers selbst, sondern auch die Stadtverwaltung zeugt von der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sowohl seine massive, stalin-eske Architektur, sowie die immer noch vorhandenen real-sozialistischen Symbolik an und auf der Fassade frieren die Vergangenheit zumindest ästhetisch ein Stück weit ein. Um sich nun wieder der Postmoderne zuzuwenden, suche ich – nicht weit entfernt – im modernen Geschäftsviertel die entsprechende Atmosphäre. Die Besonderheit  hier ist die sichtbare Widmung einem der prominentesten Söhne der Region: Boris Jelzin (Борис Ельци). In der nach ihm benannten Straße wurde unter anderem – nach seinem Tod – im Jahr 2011 ein sehr geschmackvoll gestaltetes Monument errichtet.  Ansonsten ist dieses Viertel keine außergewöhnliche Besonderheit, gemessen an seiner Funktion. Der fußläufig zu erfahrende Kontrast von Monumenten zu Ehren zentraler Persönlichkeiten des Wandels ihrer jeweiligen Zeit ist allerdings beeindruckend. Gerade auch im Angesicht der Umgebung, innerhalb derer sie erstrahlen. Je nach politischem Vorzug darf man sich zu Füßen der Wolkenkratzer beim Betrachten der tierischen Gras-Musikanten eine das Betrachtete untermalende Melodie denken. Ich verzichte darauf und erfreue mich an den botanischen Kunstfertigkeiten.

Stadtverwaltung und Revolutionsverwaltung stehen sich am Platz von 1905 gegenüber.

Hier blicke ich symbolisch auf das 20. Jahrhundert zurück.
Im modernen Teil des Stadtzentrums traf ich auf Monumente allbekannter Politgrößen sowie auf ein reizendes Ensemble gräserner Stadtmusikanten.

Schließlich mache ich noch einen Abstecher  – getreu der Roten Linie – in die Fußgängerzone und Shopping-Meile (Улица Вайнера) westlich des Platzes von 1905, der sich ebenfalls lohnt. Nicht nur die eher provinzielle Belebtheit und die abermals wiederkehrenden architektonischen Schmankerl, sondern auch originell installierte Bronze-Kunstwerke runden meine kleine Sightseeing-Tour reizvoll ab. Beim Schreiben dieses Beitrags ist mir wieder aufgefallen, wie liebenswert diese Stadt doch ist und wie viel es dort letztlich doch zu entdecken und zu lernen gibt. Und dabei habe ich nicht mal alles Sehenswerte aufgesucht. Es gibt viele Gründe, wieder einmal herzureisen.

In Jekaterinburgs Fußgängerzone gibt es einige kleine Nettigkeiten zu entdecken.

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