Mit dem Zug in die Mongolei – Die Transmongolische Eisenbahn

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Nachtzug nach Ulan Bator: Kurze Strecke – Lange Reise

Nach einem ausgiebigen Tag im mongolisch angehauchten Ulan-Ude verlasse ich Russland nach fast vier Wochen also in Richtung Mongolei- im Nachtzug nach Ulan Bator. Aufbruch in ein echtes Abenteuer. Und das am frühen Morgen. Der Zug verlässt den Bahnhof um 6:36h, um schließlich genau 24 Stunden später in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar (auch: Ulan-Bator, Улан-Батор) einzufahren. Eine der längeren Fahrten auf meiner Tour. Aber keineswegs eine der längeren Streckenabschnitte. Denn einen großen Teil der „Fahr“zeit, etwa 7 Stunden(!), verbringen wir mehr oder weniger regungslos an den Grenzbahnhöfen, besonders dem russischen. Die Transmongolische Eisenbahn: Ein Reisebericht über den ersten Abschnitt.

Die Transmongolische Eisenbahn. Der Nachtzug nach Ulan Bator ist in kyrillischer Schrift beschildert. In Rot auf Weiß.
Zug 362Ы verkehrt zwischen Ulanbaatar und Irkutsk. Das mongolische Nationalemblem – beflügeltes Pferd mit Sojombo und Mandala – kennzeichnet die Zugehörigkeit.

Der Zug 362Ы zieht eine Reihe von Waggons, die sich im Interior und in der Aufteilung der Klassen nicht grundlegend von anderen russischen oder chinesischen Nachtzügen unterscheiden. Mir fallen jedoch die eher klassischeren Designstandards folgenden Gardinen auf. Personal und Bewirtung im Speisewagen indes wechseln mit den Ländern. Das Prozedere bleibt dasselbe. Beim Einstieg Ticket und Pass vorzeigen, ins Abteil zur Koje geführt werden, die Kondukteurin sammelt das Ticket – im Tausch gegen eine Plakette – in einer Mappe, und „Los Geht´s!“.

Gang im Waggon des Nachtzugs nach Ulan Bator.
Im Waggon des Nachtzugs.

Mein Abteil der zweiten Klasse teile ich mir mit einem jungen Kerl, der gerade ein ausgiebiges Nickerchen macht. Sein Gepäck hat er vorher noch auf meinem Platz deponiert. Die Kondukteurin kennt da nix, und entfernt die Sachen kurzerhand. Ich nehme gut gelaunt und mit Vorfreude auf die spannende Fahrt Platz und betrachte die letzten landschaftlichen Eindrücke Russlands bzw. Burjatiens.

Landschaft im Süden von Burjatien. Schneebedeckte Berge im Hintergrund. Dafür ein Dorf mit Holzhäusern.
Meine letzten Eindrücke von den ästethetischen Abgeschiedenheit der Hügellandschaft Burjatiens.

Mein Abteilgefährte erwacht aus seinem Schlaf nicht fern der Grenze, ist überrascht ob des Verbleibs seinen Gepäcks und inspiziert eben jenes engagiert und neugierig. Zu diesem Zweck schließt er die Abteiltür und beginnt schließlich den Inhalt seiner Taschen umzusortieren. Parfümfläschchen und haufenweise russische Souvenirs. Grundsätztlich wirken seine Hektik und Fokussiertheit verdächtig, sein Gepäck tut es nicht. Wir kommen in eine Art Gespräch, das durch die Sprachbarriere etwas oberflächlich bleibt. Offenbar war er zum Urlaub in Russland.

Kupe Abteil East Rail Stories
Vierbett-Abteil der 2. Klasse im Zug der Transmongolischen Eisenbahn.

Als ich ihn nach dem Baikalsee frage, lacht er bloß. Sprachbarriere. Ein offenes, und doch etwas unsicheres Lachen ist eine nicht seltene Reaktion, wenn meine sprachliche Kommunikationkompetenz bei asiatischen Gesprächspartnern auf ihre Grenzen stößt. Eine sehr sympathische Variante, wie ich finde. Lachen überwindet ein Stück weit die übliche Verlegenheit und hält die Interaktion weiter warm und offen für einen Themenwechsel.

Landschaft in Burjatien. Der Zug schlängelt sich durch.

Schließlich wenden wir uns wieder unseren Unterhaltunsmedien zu. Ich der vorbeiziehenden Landschaft, er der Musik aus dem iPhone und zugleich Filmen auf dem Laptop. Hier beginne ich mich an einen gewissen kulturellen Unterschied zwischen Europa und großen Teilen Ostasiens zu gewöhnen. Denn auch (und vor allem) in China würde ich später erfahren, dass es weder ungewöhnlich noch (scheinbar) ungezogen ist, seine Medien ohne Kopfhörer und bei fortgeschrittener Lautstärke im öffentlichen Raum, etwa in Zügen, zu konsumieren. Auch etwa das Schlürfen und Schmatzen, sowie zum Teil weitere menschliche Intonationen des Genusses von Speisen, gehören für mich bald zum allgegenwärtigen Sound dieser Reise. Es fühlt sich befreiend an, einen Teil seiner lästigen Kinderstube hinter sich lassen zu können.

Blick zurück auf Russland. Aus dem hintersten Fenster entlang der Gleise in Nauschki.
Mein letzer Blick zurück auf Russland.


Ausreise aus Russland – до свидания россия!

Um ca. 13:00h ist es also soweit. Wir fahren im russischen Grenzbahnhof von Nauschki (Наушки) ein – und auch so schnell erstmal nicht fort… Zunächst entscheidet sich die Eisenbahngesellschaft, ein wenig um zu rangieren. Wir werden vor- und zurück geschoben. Längere Pause. Wir werden erneut vor- und zurück geschoben. Während der ganzen Prozedur beobachte ich einen Vorgang am Bahnsteig, der darauf hinweist, dass dort eine später stattfindende Veranstaltung vorbereitet wird.

Dies ist vorerst das aufregendste, was hier passiert. Doch dann plötzlich darf der Zug für einen Gang zur Bahnhofstoilette verlassen werden. Das ist angesichts des langwierigen Gesamtprozesses vergleichsweise aufregend. Am Bahnsteig ist das Fotografieren offenbar verboten.

Russixcher Grenzbahnhof in Nauschki auf der Route der Transmongolischen Eisenbahn.
Bahnhof von Nauschki. Ein großer Event scheint im Anmarsch.

Ein Mann, der es dennoch versucht, wird von einem Beamten unversöhnlich und unmissverständlich angeschrien. Die Toiletten sind vom Typ „Hocken“, woran sich für die nächsten Wochen zu gewöhnen sein wird. Auf dem Rückweg zum Zug nehme ich keine Beamt:innen zur Kenntnis und erwische mich dabei, wie ich dann doch den ein oder anderen Schnappschuss mache.

Ich stelle fest, dass ein großer Teil der grünen Waggons (die ich für den chinesischen Typ halte), durch zum Teil luxuriösere Waggons ausgetauscht wurde. Offenbar werden hier Passagier- und Tourizüge effizient rekombiniert. Die Transmongolische Eisenbahn Route ist eingleisig, und die Kapazitäten daher scheinbar etwas limitierter.

Trans window East Rail Stories
Hinter den geschmackvollen Gardinen in der Transmongolischen Eisenbahn taucht ein ebensolcher Waggon auf.

Der eigentliche Aufenthaltsgrund ist freilich auf die drei Grenzkontrollen zurückzuführen: Polizei, Migrationsbehörde, und noch irgendwas, das ich in diesem Moment nicht verstehe. Das läuft alles auch weitgehend entspannt ab. Das zweite der Grenzer-Pärchen wirkt zunächst etwas windig. Gekleidet in Ballonhosen und jenen schwarzen Lederjacken des maskulinen Typs.

Es wird zunächst grimmig-ernst drein geguckt. Freudig wird mir dann jedoch mein Pass mit einem schelmisch auf Deutsch vorgetragenen Kommentar zurückgegeben und noch der ein oder andere lockere Scherz ausgetauscht. Am Ende also eine relativ freundliche Veranstaltung. Auch mein Abteilgenosse darf seine Parfümerie ausführen. Auf Wiedersehen Russland! (До свидания россия!)

Der grüne Zug in die Mongolei an der russisch-mongolischen Grenze.
Die Waggons wurden an der Grenze fleißig umrangiert.

Straight Outta Gobi – Am Grenzbahnhof in Süchbaatar

Es geht irgendwann tatsächich weiter. Wir passieren die mongolische Grenze und fahren in den Bahnhof Süchbaatar (Сүхбаатар) ein. Der Name dieser Stadt ist mir bereits als Straßenname in Ulan-Ude begegnet. Er verweist auf den sozialistischen Revolutionsführer und Quasi-Gründer der Mongolischen Volksrepublik Damdiny Süchbaatar, der auch aufgrund seines Beitrags zur endgültigen Unabhängigkeit von China posthum zum Helden ernannt wurde (Baatar = Held).

Grenzbahnhof Süchbaatar.
Am Bahnhof von Süchbaatar.

Die Unabhängigkeit betrifft jedoch ausschließlich die sogenannte „Äußere Mongolei“ , welche auch das heutige Staatsgebiet der Mongolei bezeichnet. Denn die im Süden angrenzende „Innere Mongolei“ ist nach wie vor als „Autonome Region“ eine Provinz der Volksrepublik China, und ist nunmehr von einer mongolischen Minderheit bewohnt. In der Äußeren Mongolei, oder auch dem Mongolischen Staat werde ich also direkt von einem Helden empfangen. Und nicht nur das. Die Grenzkontrolle – so sehr sie sich auch hier in die Länge zu ziehen vermag – entpuppt sich als ein wahres Feuerwerk der Reiseerlebnisse.

Am Bahnsteig von Süchbaatar. Aus dem Waggon fotografiert.
Erst in der Dämmerung geht es weiter.

Zunächst fällt mir der etwas weniger konservative Stil der Uniformen der Grenzbeamte auf. Ich spekuliere, ob man/ frau darin gekeleidet nicht auch subventionierten Zutritt zu einer entsprechend ausgerichteten Motto-Party im Berliner Kit Kat Club gewährt bekäme. Einer der männlichen Kontrolleure setzt sich beim Betreten des Zugs zudem entspannt seine freshe Sonnenbrille auf, und gewinnt mit seinem hinzukommenden, authentisch-breiten Grinsen und seiner an den späten Eazy-E erinnernden Gesamterscheinung meine Sympathie.

Nun gut, während der Kontrollprozeduren müssen wir Fahrgäste stramm stehen. Das ist nunmal so. Aber die durch das Personal geschaffene Stimmung – Versuche des sprachbarrieristisch frechen Witzes inklusive – macht das alles insgesamt sehr unterhaltsam. Auch das Treiben auf dem Bahnsteig ist beobachtenswert. Ein junger Kerl läuft dort umher, und versucht sich in alle sich dort aufhaltende Menschengruppen kommunikativ zu integrieren.

Mongolische Zollbeamtin am Bahnsteig in Süchbaatar.
Mit Style! Moderne Uniformen an der mongolischen Grenze.

Andernorts würde man das vermutlich als belästigend empfinden. Hier ist der Mann jedoch scheinbar bekannt und beliebt. Unter anderem motiviert er zwei Zwillingsjungs zu einem Wettrennen auf dem Bahnsteig. Diese Jungs sind offensichtlich die Söhne meines Mitreisenden, der noch sehr lange winkend im Zug verweilen muss, bis die eingesammelten Pässe endlich von der Stempelstelle zurück kommen.

Derweil sprechen drei Mädchen auf dem Bahnsteig eine der stylischen Beamtinnen an, die daraufhin in unser Abteil kommt und von meinem Mitreiseden eine Tüte ausgehändigt bekommt, welche sie draußen dann an die daraufhin verschwindenden Mädchen weiterreicht. War das der Parfüm-Deal? Wie auch immer. Die Kommunikation scheint zu funktionieren, und auch bald werden uns die Pässe wieder ausgehändigt und er darf den Zug verlassen, um seine Familie in die Arme zu nehmen.

Ich Fenster East Rail Stories

Um 20:30h geht es weiter. Der Zug rollt wieder. Es klackert wieder auf den Schienen. Wir fahren entlang des Flusses Orchon (Орхон) in den mongolischen Sonnenuntergang. Mein Abteil habe ich für die gesamte Nacht für mich alleine. Sehr viel besser geht es nicht.

Schließlich wiegt mich das Klackern beruhigend in den Schlaf. Meine erste Nacht in der Mongolei verbringe ich auf Schienen. Eine entspannte Nacht, ein zufriedener Schlaf, der jedoch bereits früh wieder im Erwachen mündet. Meine Uhr zeigt 5:00h in der Früh an, die Kondukteurin hat mir mein Ticket schon auf den Platz gelegt, und der Zug fährt bereits am Bahnhof Ulaanbaatars ein – 40 min zu früh. Jedenfalls nach meinem Plan.

Die mongolische Hauptstadt ist ohnehin die Endstation dieses Zuges, und ich hätte den Ausstieg daher auch nicht wirklich verschlafen können. Dennoch beruhigt es mich, dass meine Innere Uhr offenbar auf die räumliche Nähe meiner Reiseziele reagiert. Als ich aus dem Zug steige, bin ich mir noch nicht ganz sicher, wie es weiter gehen würde.

Ich hatte mich im Vorfeld im Hostel Golden Gobi eingebucht, welches einen Abholservice im Angebot hat. Das Bahnsteig ist voll mit Leuten, die offenbar Zug-Passagiere einsammeln und ihre Schilder hochhalten. Und so entdecke auch ich meine Fahrerin, die mich feundlich begrüßt und zum Auto führt. Aufgeregt sauge ich während der Fahrt meine ersten Eindrücke dieses Ortes ein. Das nächste Kapitel meiner Reise beginnt…

Entlang des Orchon-Flusses.

Hinweis: Alle in diesem Artikel beschriebenen Reisen wurden privat finanziert. Ich erhalte keine finanziellen Zuwendungen von in diesem Artikel genannten Unternehmen oder anderen Organisationen.

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