Sibirische Gastfreundschaft

Die gut 19-stündige Fahrt von Krasnojarsk war also eine der etwas ereignisreicheren Abschnitte auf meiner Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, inklusive der einzigen halbwegs unangenehmen menschlichen Erfahrungen während meines Monats in Russland. Wieder ist es sehr früh am Morgen – 8:47h – als ich ankomme. Ich entscheide mich für einen Transfer per Taxi zu meinem Hostel. Ich bin mittlerweile verhandlungssicher und bezahle nur 350 statt 500 Rubel für die Strecke.

Das Feilschen ist hier allerdings auch etwas einfacher, da Irkutsk schon deutlich touristischer ist als die anderen Städte zuvor und entsprechend vor dem Bahnhof auch eine größere Zahl an Taxis ihre Dienste anbietet. Irkutsk ist im Prinzip die touristische Nabe für Ausflüge zum etwa 70 km weit entfernten Baikalsee. Wer nur begrenzt Zeit hat, plant besser einen Überschuss an Zeit für den Besuch von Baikal-Zielen wie Listwjanka (Листвянка) oder der Insel Olchon (Ольхон) ein. Zugegebenermaßen: für den Baikalsee kann man sich wohl kaum zu viel Zeit nehmen. Dennoch führt das dann möglicherweise zu zeitlichen Abstrichen beim Irkutsk-Besuch. Und auch ich gönne mir leider viel zu wenig Zeit für die Besichtigung dieser vielleicht lieblichsten Großstadt Russlands.

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Der Hauptbahnhof Irkutsks (Irkutsk-Passazhirsky, Иркутск-Пассажирский) heißt seine Besucher:innen mit seiner freundlich-farbigen, klassizistischen Fassade willkommen.

Doch während dieser begrenzten Zeit genieße ich ein kleines Highlight dieser Russland-Reise, der Aufenthalt im irkutsker „Rolling Stones Hostel“. Heute heißt das Hostel offenbar „Montana“, während das „Rolling Stones“ an anderer Stelle unter selbem Namen weitergeführt wird. Im Mai 2016 ist das Haus gerade frisch eröffnet; die zwei Jungs, die das Haus führten, haben alles selbst mit Liebe und Geduld aufgebaut und nicht an den Details gespart. In besonderer Erinnerung bleibt mir die außergewöhnliche Gastfreundlichkeit.

Ohne irgendeine erwartete (oder angenommenen) Gegenleistung wird mein Trip zum Baikalsee organisiert, mir eine SIM-Karte ausgeliehen (falls mal irgendwas ist), und quasi-veganes Frühstück kredenzt – nun ja, letzteres sind dann halt die Bohnen vom englischen Frühstück. Vor Ort treffe ich dann noch auf zwei Krankenpflegerinnen aus Deutschland, die sich auf unbestimmte Zeit eine Auszeit nehmen, um einfach darauf loszureisen. In diesem Moment werde ich ein wenig neidisch, obwohl ich mit meinen viereinhalb Monaten Auszeit ja bereits Neid bei so manch anderem auslöse.

Eine Reise auf unbestimmte Zeit ist dagegen nochmal eine ganz andere Nummer und Perspektive. Die beiden haben zuvor bereits Touren zum Baikalsee unternommen und mir wärmstens Olchon und ein besonderes Gästehaus dort ans Herz gelegt. Dieser Empfehlung würde ich später ohne Reue Folge leisten.

Im Stadtzentrum – Rundgang auf der Grünen Linie

Für eine schnelle Besichtigung der zentralen Sehenswürdigkeiten folge ich – ähnlich wie in Jekaterinburg – auch in Irkutsk einer Touri-Linie, die den Besucher hier jedoch in einem freundlichen Grün sicher durch die Innenstadt führt. Um zu dieser und dem Ort der Stadtgründung zu gelangen, mache ich mich vom Stadtzentrum aus auf den Weg zum Angara-Ufer und bestaune bereits unterwegs die vielen schönen traditionellen Bauten, insbesondere die zahlreichen einstöckigen sibirischen Holzhäuser.

Im Gegensatz zu etwa Nowosibirsk oder auch Krasnojarsk wirkt das Stadtbild Irkutsks deutlich weniger durch das 20. Jahrhundert geprägt, und der Stadtkern hat sich einen gewissen provinziellen Flair bewahrt. Zwar finden sich auch hier monströse, zentrale Verwaltungsgebäude aus der Sowjetzeit, jedoch kaum in derart dominierender Häufigkeit. Mein grün-liniertes Sightseeing-Programm bestreite ich nicht alleine, sondern in Gesellschaft mit den zwei Krankenpflege-Aussteigerinnen aus dem Hostel, denn sechs Augen sehen bekanntlich mehr als zwei.

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Typisches sibirisches Holzhaus in den Straßen Irkutsks.

Wir laufen entlang der Straße der Ereignisse im Dezember (улица Декабрьских Событий) – eine der ältesten Straßen und einst Haupt-Eingangsstraße der Stadt – auf das Ufer der Angara zu und blicken unweigerlich auf eine Art Triumphbogen. Das Moskauer Tor (московские ворота) galt einst – ab dem frühen 19. Jahrhundert – als Eingangstor in die Stadt, und wurde nach seiner im Jahr 1925 erfolgten Vernichtung, schließlich im Jahr 2011 wieder errichtet. Seine noch junge Frische sieht man ihm durchaus an, und seine ästhetische Erscheinung vor dem Hintergrund der Angara motiviert uns, der grünen Linie weiter zu folgen. Von hier aus ist es auch nicht mehr weit zu der imposanten Statue des kosakischen Stadtgründers Irkutsks. Diese liegt nicht zufällig direkt am Zusammenfluss von Angara und (dem namensgebenden) Irkut, welche Jakow Pokhabow einst im Jahre 1661 „inspirierte“, hier mit einer Holzfestung (Ostrog, острог) den „Grundstein“ für die Stadt zu legen.

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Das originale Moskauer Tor an der Angara-Ufer-Promenade wurde einst 1811 zum 10-jährigen Herrschaftsjubiläum Zar Alexanders I. errichtet.

Das Engagement von Kosakenverbänden spielte bei der ‚Eroberung‘ Sibiriens, die bereits im 16. Jahrhundert unter der Führung Jermak Timofejewitschs begann, eine wesentliche Rolle. Sie gründeten solche vielerorts, um Gebiete zu besiedeln und zu kolonisieren. Das Ostrog diente in dieser Form als Verteidigungssystem gegen indigene Völker und Nachbarstaaten. Einige der prominenten Orte an der Transsib-Strecke sind daher auf die Gründung solcher Holzforts zurückzuführen. Unter anderem auch Krasnojarsk, Omsk und Tschita. Nun, diese historischen Hintergründe zu den Sehenswürdigkeiten am Gründungsort sind spannend und haben mich in dieser oder ähnlicher Form auch an den anderen Orten Sibiriens fasziniert.

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Statue zu Ehren des Stadtgründers Jakow Pokhabow (Я́ков Поха́бов), pünktlich zum Sonnenuntergang.

Doch neben den Fakten gibt es hier auch schlicht eine tolle Aussicht zu genießen. Ich habe ein Faible für Zusammenflüsse. Und am heutigen sonnigen Tag macht es besonders Spaß, sich – auf der entspannt-atmosphärischen Promenade wandelnd – die himmelblaue Pracht der gleichwohl entspannt dahin fließende Angara zu betrachten. Auch präsentiert sie sich von hier aus betrachtet vor der Kulisse kleiner Ufer-Häuser und vereinzelten Hügeln im Hintergrund. Das an der Promenade angebotene Unterhaltungsprogramm adressiert jedoch vor allem Kinder, und die grüne Linie hat für uns gerade erst begonnen. Daher widmen wir uns nach kurzer Zeit schließlich doch wieder den kulturellen Sehenswürdigkeiten.

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In Irkutsk fließt der Irkut in die Angara, die zugleich wichtigster Abfluss des Baikalsees und Zufluss des Jenissei ist.
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An der Uferpromenade begegnen mir erstmals die elektrischen Kleinvehikel für kindliche Freizeitfreuden, die auch im späteren Verlauf der Reise noch häufig auftauchen würden.

Denn direkt zu Füßen des Gründungsvaters liegt die aus der Umgebung herausragende Kathedrale der Offenbarung (Собор Богоявления) mit ihren goldenen Zwiebelkuppeln und vielseitigen Fassaden-Elementen. Hier sind wir neugierig und wagen uns in das Innere der Kirche. Schließlich mache ich hier – wie schon in Nischni Nowgorod – eine interessante Erfahrung hinsichtlich Gender-spezifischer Kopfbedeckungs-Erfordernisse in russisch-orthodoxen Gotteshäusern. Während ich mich meines Caps entledige (basierend auf jenen Erfahrungen in Nischni Nowgorod), ist sich die weibliche Begleitung (ebenfalls erfahrungsbasiert) sicher, ihr Haupt nicht bedecken zu müssen. So weit, so unverhüllt. In der Kathedrale nun aber lässt sie sich durch einen bediensteten Geistlichen vom Gegenteil überzeugen und bedeckt ihr Haupt widerstandslos mit ihrem Schal. Wir lernen also unterm Strich, dass russische Kirchen von Frauen stets mit Kopfbedeckung, und von Männern stets ohne Kopfbedeckung betreten werden sollten. Gegebenenfalls liegen auch Tücher für die Umhüllung des Haupthaares bereit.

Neben dieser Lehreinheit ist natürlich auch die Besichtigung des Hauses an sich interessant und beeindruckend. Orthodoxe Kirchen unterscheiden sich von westlichen Häusern besonders durch die Abwesenheit der zentralen Bestuhlung. Gottesdienste werden im Stehen abgehalten.

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Offenbarungskathedrale (Собор Богоявления) im Stadtzentrum hebt sich durch ihre bunte, heterogen russisch-barocke Fassade im inneren Stadtbild ab.

Direkt gegenüber der Kathedrale erkunden wir den zentralen Gedenk-Komplex zu Ehren der Helden des Großen Vaterländischen Kriegs. Beim Betreten des Parks fällt sofort auf, dass er in zweierlei Hinsicht gut besucht ist. Einerseits marschieren mehrere kleine Grüppchen von Soldat:innen bzw. uniformierter Schüler:innen umher. Teilweise zum Zwecke der Vorbereitungen für den anstehenden Tag des Sieges am 9. Mai, teilweise im Rahmen der durch Schüler regelmäßig durchgeführten, traditionellen Wachablösung am Ewigen Feuer. Andererseits legen hier Schulklassen und auch zahlreiche ältere Menschen Blumen ab.

Wie erwähnt, besuchen wir diesen Ort kurz vor den großen Zeremonien Anfang Mai 2016. Ob der Besucherandrang zu anderen Jahreszeiten ähnlich ist, kann ich nicht beurteilen. Davon unabhängig sind auch ausländische Besucher willkommen, das Ewige Feuer vor dem Haus der Sowjets und die Gedenkbüste aufzusuchen, um der Erinnerung an die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten aus der Region Respekt entgegenzubringen.

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Der Gedenkpark (Мемориальный парк) zu Ehren der gefallenen Helden des Großen Vaterländischen Kriegs ist gut besucht. Exerzierende Soldat:innen um die mit Blumen beschmückte „Ewige Flamme“ vor dem Haus der Sowjets, Schulklassen und Senior:innen mit Blumen für die Kriegsopfer suchen diesen Ort auf.

Die Treppe hinter der Büste hinaufsteigend, entdecken wir eine Brücke, welche einen tollen Blick auf Angara, Konfluenz und eine belebte Hauptverkehrsstraße bietet. Hier stoßen wir auf eine Schülergruppe, die bemüht ist durch reges Winken die Aufmerksamkeit der Autofahrer:innen auf sich zu ziehen. Mit Erfolg. Die gestischen Zuwendungen werden mit freundlichem Hupen beantwortet. Habe ich so auch noch nicht erlebt.   

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Kollektives Winken in Richtung des Gründerdenkmals mit fantastischem Blick auf die Angara – bei fantastischstem mittelsibirischen Wetter.

Wir bewegen uns weiter in Richtung des Kirow-Platzes, des großen, zentralen Platzes der Stadt. Auf dem Weg sehen wir noch weitere interessante und schöne Bauwerke wie die Kirche im Namen des Erlösers (Храм во имя Спаса), die – aus der Gründerzeit stammend – als die älteste Kirche der Stadt gilt. Natürlich hat auch diese (ursprünglich hölzerne) Kirche die Geschichte der Jahrhunderte nicht unbeschadet überstanden, und die heutige steinerne Erscheinung stammt vorwiegend aus dem frühen 18. sowie dem 19. Jahrhundert. Besonders interessant an diesem Gebäude sind die Außenfresken sowie die unterschiedlich gestalteten Kuppeln bzw. Turmspitzen.

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Die Kirche im Namen des Erlösers (Храм во имя Спаса), relativ zeitnah nach Gründung des Ostrogs erbaut, ist der älteste Sakralbau der Stadt.

Auf dem Kirow-Platz herrscht gute Stimmung. Der obligatorische Springbrunnen läuft auf Hochtouren und überall hängen weiß-blau-rote Fahnengirlanden, die von dem bevorstehenden Nationalfeiertag zeugen. Wir haben freilich auch großes Glück mit dem fantastischen Frühlingswetter, und die Menschen sind reichlich am Flanieren. Hier komme ich um eine kleine Foto-Session nicht herum.

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Der Kirow-Platz (Сквер им. Кирова) im Zentrum der Stadt. Die weiß-blau-roten Fähnchen kündigen die Feierlichkeiten am 9. Mai an.

Ähnlich wie im kleinen Skulpturenpark grob an der Ecke Lenin-Straße/ Karl-Marx Straße, wo der Miniatur- Big Ben über mehrere geschmackvolle und animalische Statuen wacht. Sich mit den Drei Affen ablichten zu lassen, erscheint mir in dem Moment alternativlos. Jede:r von uns begeistert sich besonders für eine der ulkigen Skulpturen. Auch (scheinbar) schamanisch verzierte Rinder laden zur Besteigung ein. Dies ist ein unterhaltsamer Ort. Und ich habe mich ja bereits in anderen Beiträgen als Fan russischer Skulpturenkunst geoutet.

Ansonsten merke ich, dass sich Irkutsk als eine sehr gepflegte Stadt mit offensichtlicher kultureller Ästhetik darstellt. Daher taucht die gegenüber platzierte Lenin-Statue diesmal auch nicht zwingend unter den Highlights des Sightseeings auf. Anders als in den zuvor besuchten sibirischen Städten.

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Der kleine Skulpturenpark lädt zu Albereien ein.

Zum Abschluss unserer Speedy-Route auf der Grünen Linie treffen wir auf das symbolische Wahrzeichen – und zugleich Wappentier – der Stadt. Der Babr ist ein chimäres Wesen, sibirischer Tiger mit Biberschwanz, das einen erlegten Riesen-Zobel in seinem Maul präsentiert. Ich finde daran vor allem interessant, dass der Zobel (bzw. derer zwei) Wappentier von Nowosibirsk ist. Dafür, dass das Ganze so ganz nebenbei noch eine gewisse Fehde zwischen den beiden sibirischen Großstädte symbolisiert, habe ich jedoch keine Belege gefunden. Diese mächtige Statue markiert zugleich den Eingang in das 130 Kvartal, eine Art Folklorestraße mit aneinandergereihten Holzhäusern, die zu – teilweise originellen – gastronomischen Genüssen einladen.

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Der Babr (Бабр) mit erlegtem Zobel: das stolze Stadtwappen Irkutsks.

Wir kehren zum Beispiel in ein Konzept-Café ein, dessen Interieur von Flugzeugkabinen inspiriert zu sein scheint. Leider ohne, dass ich dies fotografiert hätte. Nachdem wir also die Pflichtroute abgelaufen haben, lassen wir uns zu Mittag noch russische Kartoffel-Kohl-Buchweizen-Spezialitäten in einer klassischen Stolovaja (столовая) schmecken. Ich empfehle es dringend, diese Kantinen-Restaurants aufzusuchen, wenn man zugleich sehr hungrig und auf knappem Budget unterwegs ist. Die Auswahl und Qualität ist meistens gut, die Portionen sind üppig, und für alle Veggie-Freunde, gibt es immer Optionen. Besonders während der Fastenzeit.

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Schmuckes Holzhaus im 130 Kvartal.

Meine beiden Speedy Sightseeing-Genossinnen verabschieden sich am späten Nachmittag alsdann Richtung Mongolei, wo sie sich ein Pferd zu kaufen und damit durch das Land zu galoppieren gedenken. Da ist das Komplettpaket an Abenteuerlust angesagt. Es ist häufig sehr hilfreich und inspirierend, auf einer solchen Reise Menschen zu treffen, die völlig unterschiedliche Pläne (oder Erfahrungen) für bestimmte Länder oder Regionen haben. Tatsächlich würde ich auch später noch weiteren Reisenden begegnen, die die Mongolei etwas ausgefallener bereisen, als ich es vorhabe. Aber bis dahin sind es ohnehin noch einige Tage. Erstmal steht der Baikalsee auf dem Plan. Ich bespreche mit den Jungs vom Hostel meine Tour dorthin. Im Grunde wurde für mich alles organisiert. Ich würde mich nur noch selbst in das Verkehrsmittel der Wahl setzen müssen.

Mit der Marschrutka zum Baikalsee

Von den üblichen Ausflugszielen am Baikalsee, Listwjanka und Olchon, entscheide ich mich auf kompetenten Rat also für Olchon, welches sich ca. 330 km nordöstlich von Irkutsk am Westufer des Sees befindet. Es ist die größte und einzige bewohnte Baikal-Insel. Ein ganz besonderer Ort, hatte man mir versprochen. Ich würde nicht enttäuscht sein. Am Irkutsker Busbahnhof wartet um 10:00 h morgens bereits die Marschrutka (Маршрутка) auf mich und einige Mitreisende.

Busbahnhof East Rail Stories
Der „Busbahnhof“ Richtung Baikalsee. Mit der Marschrutka (маршрутка), einem kleinen Passagierbus, wird man in ca. 4 Stunden nach Olchon gebracht – und auch wieder zurück.

Zunächst sieht es platztechnisch gut für mich aus. Der Wagen ist kaum besetzt und ich kann mir einen Platz am Fenster aussuchen. Doch leider zu früh gefreut; nach 10 Minuten Fahrt hält der Fahrer an und ich werde in eine andere Marschrutka geschickt. Und bis auf einen Sitzplatz, den Mittelplatz auf der Hinterbank, ist diese voll besetzt. Die meisten Mitreisenden sind Chinesen, die sich untereinander zumeist auf Russisch unterhalten. Ich interessiere mich für die Auswahl des sprachlichen Konversationsstandards. Hongqiao, der neben mir sitzt und auch Englisch spricht, erzählt mir, dass er und seine Kumpels Ökonomie in Russland studieren und miteinander Russisch sprechen, weil sie es eben können.

Marschrutka to Olchon East Rail Stories
In der proppenvollen Marschrutka auf dem Weg nach Olchon.

Die Stimmung ist gut, alle freuen sich auf ihre erste Baikal-Erfahrung, und mir als einzigem Wessi an Bord wird eine Menge Aufmerksamkeit entgegengebracht. Auf halber Strecke machen wir eine Pause an einer kleinen Raststätte. Bei einem guten Gläschen Tee lege ich mein Smartphone auf dem Tisch ab; sofort schnappt sich einer meiner Mitreisenden das Endgerät, um seine Nummer in meiner WhatsApp zu hinterlassen. Ich sammele also einige neue Kontakte in meinem Telefonbuch, und tatsächlich würden mir die Jungs später – wir sind auf Olchon in unterschiedlichen Gasthäusern untergebracht –nahezu im Zweistundentakt Fotos neuer Entdeckungen schicken.

Marschrutka Pause East Rail Stories
In der Kaffeepause sichtlich aufgeregt ob meines bevorstehenden Abenteuers.

Als wir uns dem Baikalsee nähern, die Landschaft wüstenartige Züge annimmt und vermehrt die bunten schamanischen Farbbänder an unterschiedlichen Konstrukten auftauchen, fühle ich mich erstmals wie in einer anderen Welt. Dies ist eine Landschaftsform, die ich noch nicht erlebt habe. Und sie erinnert mich vorausschauend daran, was ich später in der Mongolei wiederfinden würde. Diese drei Tage am Baikal würden ein weiteres, wenn nicht sogar das Highlight auf meiner Tour werden.

First glance East Rail Stories
Der erste Blick auf den Baikalsee. Die Aufregung steigt…

Um auf die Insel zu gelangen müssen wir noch mit einer Fähre über eine circa 1 km breiten Seestraße gesetzt werden. Am Hafen warten wir mindestens eine Stunde und vertreiben uns die Zeit mit dem Anfertigen reichlicher Selfies und Gruppenfotos. Auch frech-emporragende Frühblüher und stur-persistierende Flechten liefere ich der floralen Neugier meiner Kameralinse aus. Nicht nur ich genieße die bunt berieselte Kargheit der Umgebung. Jeder weiß sich mit seinem Foto-Equipment an die Umgebung anzupassen. Kein Windröschen ist wie das andere…

Warten 2 East Rail Stories
Karge Landschaften und rustikale Fahrzeuge am Fährhafen.

Und dann taucht plötzlich etwas in der Ferne auf, das jeder optimistisch berauscht für die Fähre hält, die uns nach Olchon bringen soll. Und tatsächlich ist es eben diese Fähre, welche sich mitsamt ihres Diesel-Aromas dem Festland nähert und viele Wartende dazu veranlasst, ihre Motoren zu starten.

WindroseFlechte East Rail Stories
Floral stechen Anfang Mai violett-farbene Windröschen und robuste Flechten auf der felsigen Westküste des Baikals hervor.

Unser Fahrer setzt die Marschrutka auf das Deck, wir Passagiere folgen ihm unkritisch und positionieren uns seitlich an der Reling, um sowohl nach vorn als auch nach hinten gucken zu können. Die erste Bootsüberfahrt auf meiner Route. Ich bin aufgeregt. Einige meiner Marschrutka-Genossen ebenfalls. Die Überfahrt dauert insgesamt nur 10-15 kurzweilige Minuten. Am Hafen wird noch sichergestellt, dass man sich nicht aus den Augen bzw. dem Smartphone verliert – was auch tatsächlich nicht passieren würde. Der Bus bringt mich daraufhin direkt zu meiner Unterkunft in der Hauptstadt Chuschir (Хужир). Die gesamte Fahrt ab Irkutsk hat etwa 7 Stunden gedauert, wovon auch ein erheblicher Anteil auf die Wartezeit am Fährhafen fällt.

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Das Warten hat ein Ende. Wir sind alle aufgeregt ob der Ankunft unserer Fähre.

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